Geopolitischen Veränderungen der jüngeren Vergangenheit lassen europäische Unternehmen zunehmend ihre technologischen Abhängigkeiten überdenken. Fragen danach, wer kritische Dienste kontrolliert, welche Gesetze gelten und ob der Zugang gestört oder sogar unterbrochen werden kann, sind mittlerweile fester Bestandteil der Diskussionen zur Geschäftskontinuitätsplanung.

Die Diskussionen rund um die digitale Souveränität gehen mittlerweile über die Fragen hinaus, wo Daten gespeichert werden und wer darauf zugreifen darf. Sie umfassen nun auch Hardware, Software und Dienste, einschließlich KI-Modelle. Themen wie Datenschutz, Sicherheit und Integrität sind im öffentlichen Diskurs, bei Regierungen und in Unternehmen angekommen.

Das Analystenhaus Gartner® stellt in seinem Bericht „Europe Context: Magic Quadrant™ for Endpoint Protection“ fest: „Zunehmende geopolitische Spannungen und das daraus resultierende Streben nach technologischer Souveränität veranlassen führende europäische Akteure im Bereich Cybersicherheit dazu, ihre Abhängigkeit von ausländischen Cybersicherheitsanbietern zu verringern.“ ESET selbst ist in Gartners Liste der „Notable Vendors“ aufgeführt. 

Aus unserer Sicht werfen die Erkenntnisse aus Gartners Bericht für Unternehmen ganz praktische Fragen auf: Wo werden unsere Daten gespeichert, und wer hat Zugriff darauf? Was geschieht mit Daten, die KI-Tools speichern? Können wir den Zugriff auf Software verlieren, auf die wir angewiesen sind? Werden neue Sicherheitsrisiken entstehen? Und wie wirken sich geopolitische Entscheidungen auf mein Unternehmen aus?

Kernpunkte dieses Artikels:

  • Digitale Souveränität ist zu einem praktischen Anliegen der Geschäftskontinuität geworden und nicht mehr nur Gegenstand politischer oder regulatorischer Debatten.
  • Unternehmen wünschen sich mehr Kontrolle darüber, wo Daten gespeichert und verarbeitet werden, wer darauf zugreifen kann und ob kritische Software oder Dienste durch externe Akteure gestört werden können.
  • Die Verfügbarkeit souveräner Lösungen ist auf dem Technologiemarkt uneinheitlich. Alternativen gibt es jedoch, und sowohl öffentliche als auch private Organisationen setzen diese bereits ein.
  • Im Bereich Cybersicherheit verfügt Europa bereits über hochkompetente Anbieter, die in technologischer und regulatorischer Hinsicht besser sind als außereuropäische Hersteller

Eine sich wandelnde Welt auf der Suche nach strategischer Autonomie

Die veränderte geopolitische Landschaft bietet Europa die Chance, bestehende technologische Fähigkeiten – auch und gerade im Bereich Cybersicherheit – unter Beweis zu stellen. Das bezieht insbesondere die Förderung einheimischer Alternativen ein, um die strategische Autonomie zu stärken. Auch außerhalb Europas veranlassen ähnliche Bedenken Regierungen und Unternehmen weltweit dazu, ihre technologischen Abhängigkeiten neu zu bewerten.

Diskussionen über digitale Souveränität werfen wichtige Fragen auf. Sowohl öffentliche als auch private Organisationen berücksichtigen dies bereits: Wer hat Zugriff auf meine Daten, welche rechtlichen Verpflichtungen gelten für Technologieanbieter, und kann der Geschäftsbetrieb fortgesetzt werden, wenn sich der Zugang zu kritischen Diensten ändert? Souveränitätsanforderungen werden bereits bei einigen Beschaffungsentscheidungen berücksichtigt.

Der Wandel ist in vollem Gange. Frankreich hat „Visio“ eingeführt, eine im eigenen Land entwickelte Alternative zu „Zoom“ und „Microsoft Teams“; Airbus hat sich für „Scaleway“ entschieden, um eine europäische Cloud-Umgebung für die sensibelsten Geschäftsanwendungen bereitzustellen; und mehrere deutsche, dänische und andere europäische Regierungen auf lokaler und nationaler Ebene ersetzen US-amerikanische Anwendungen durch Open-Source-Lösungen.

ESET hat als erster Cybersicherheitsanbieter einen Rahmenvertrag unterzeichnet, um den Bestrebungen der niederländischen Regierung nach mehr digitaler Souveränität gerecht zu werden. Dies ermöglicht es Unternehmen im öffentlichen Sektor, über ESET PRIVATE auf Lösungen zuzugreifen, wobei vorab vereinbarte Bedingungen in Bezug auf Datenschutz, Datenverarbeitung, Datenstandort und Aufsicht gelten.

Jüngste politische Entscheidungen zeigen zudem, wie sich Souveränität auf die Geschäftskontinuität auswirken kann. Im Juni 2026 veranlassten US-Exportbeschränkungen das Unternehmen Anthropic dazu, seine Modelle „Fable 5“ und „Mythos 5“ auszusetzen. Zudem hat Microsoft den Chefankläger des Internationalen Strafgerichtshofs, Karim Khan, von seinem E-Mail-Konto ausgesperrt. Hiermit kam das Unternehmen US-Sanktionen nach. Hintergrund war der Beschluss des Juristen, eine Untersuchung zu den Handlungen israelischer Beamter im Gazastreifen einzuleiten. Diese Beispiele veranschaulichen, wie eine Regierungsentscheidung die Verfügbarkeit von Technologien, auf die Organisationen angewiesen sind, schlagartig beeinträchtigen kann.

Neben der Verfügbarkeit von Diensten müssen Unternehmen auch die rechtlichen Verpflichtungen berücksichtigen, die den Zugriff auf ihre Daten regeln. Der US-amerikanischen CLOUD Act kann Anbieter, die der US-Gerichtsbarkeit unterliegen, zur Herausgabe von Kundendaten verpflichten - und das im Rahmen gültiger US-amerikanischer Rechtsverfahren. Das schließt Anfragen von Strafverfolgungsbehörden ein und betrifft auch Daten, die außerhalb der USA gespeichert sind. Im August 2026 folgte ein US-Memorandum, das privaten Unternehmen die Durchführung von Cyberüberwachungsmaßnahmen erlaubt.

Die Bedenken hinsichtlich Datenschutz existieren allerdings nicht nur bei US-Anbietern, sondern  auch für chinesische Technologieanbieter und deren gesetzliche Verpflichtungen, die Ziele des chinesischen Geheimdienstes zu unterstützen.

Infolgedessen wird digitale Souveränität zunehmend als Mittel angesehen, um politische Risiken zu verringern, die Geschäftskontinuität zu gewährleisten und die Kontrolle über sensible Daten zu behalten. Unternehmen müssen prüfen, wo wer auf welche Daten zugreifen kann, welche rechtlichen Verpflichtungen gelten und wo diese gespeichert sind. 

Ein Weg in Richtung Autonomie

Autonomie passiert nicht von heute auf morgen. Allein schon lange Vertragslaufzeiten mit Technologieanbietern können den Prozess zu mehr Autonomie in die Länge ziehen. Darüber hinaus bedarf der Austausch tief integrierter Plattformen Zeit, Investitionen und Planung. Diese Herausforderungen sollten den Übergang jedoch eher mitgestalten als verhindern.

Eine größere Interoperabilität, eine breitere Auswahl an vertrauenswürdigen Anbietern und Maßnahmen zur Verringerung der Anbieterabhängigkeit können Unternehmen dabei helfen, Widerstandsfähigkeit aufzubauen und gleichzeitig den Zugang zu internationalen Innovationen zu bewahren. Im Bereich der KI umfasst diese Bewertung auch die Fragen, wem die Modelle gehören und wer sie verwaltet, wo sie gehostet werden, wie sie trainiert werden und ob Sicherheit und Datenschutz gewährleistet sind.

Als europäisches Unternehmen bietet ESET seit 35 Jahren europäischen und außereuropäischen Kunden eine vertrauenswürdige Alternative und unterstützt Organisationen dabei, unabhängige Fähigkeiten aufzubauen und Risiken zu mindern.

Letztendlich sollte eine größere strategische Autonomie es Organisationen ermöglichen, Entscheidungen über ihre Sicherheit und ihr Risikoengagement unabhängig, autonom und sicher zu treffen.

Fazit

Das Streben nach strategischer Autonomie sollte Organisationen mehr Kontrolle über ihre Daten, Technologien und Abläufe verschaffen. In der Praxis bedeutet dies, die strategische Autonomie zu stärken und die Geschäftskontinuität inmitten geopolitischer Unsicherheiten aufrechtzuerhalten. Vertrauen ist dabei von zentraler Bedeutung. Es beruht auf bewährter Sicherheit, klarer Verantwortlichkeit und Anbietern, auf die sich Organisationen auch bei sich ändernden Umständen verlassen können.

Häufig gestellte Fragen (FAQs)

Wie unterscheiden sich digitale Souveränität und digitale Unabhängigkeit?

Digitale Souveränität konzentriert sich auf Rechtshoheit, Governance und Kontrolle. Für manche ist sie eine technische Anforderung, für andere eine unternehmerische Entscheidung. Digitale Unabhängigkeit hat die Fähigkeit zum Ziel, autonome Entscheidungen zu treffen, um die operative Widerstandsfähigkeit aufrechtzuerhalten. Dazu gehören die Diversifizierung der Lieferanten, die Verringerung der Anbieterabhängigkeit und die Auswahl von Lösungen entsprechend spezifischer Risiken. Sowohl digitale Souveränität als auch Unabhängigkeit sind Schritte zur Stärkung der strategischen Autonomie.

Warum gewinnt digitale Souveränität für europäische Unternehmen zunehmend an Bedeutung?

Geopolitische Entscheidungen können den Zugang zu kritischen Technologien, die Verfügbarkeit von Diensten und die Kontrolle über sensible Daten beeinflussen. Unternehmen müssen daher neben der technischen Sicherheit auch die rechtlichen Risiken ihrer Anbieter und die Abhängigkeiten in der Lieferkette bewerten. Diese Überlegungen gewinnen für die Geschäftskontinuität und das Vertrauen zunehmend an Bedeutung.

Bedeutet digitale Souveränität, alle ausländischen Technologieanbieter auszuschließen?

Ja, je nach Kontext. So erfordert beispielsweise die französische Souveränität einen vollständig französischen Technologie-Stack, während die EU-Souveränität eine Mischung aus EU-Technologien zulässt. Souveränitätsansprüche müssen durch die jeweils erforderlichen rechtlichen, technischen und operativen Kontrollen untermauert werden.

Was sollten Unternehmen bei der Bewertung der digitalen Souveränität berücksichtigen?

Unternehmen sollten folgende Aspekte prüfen: Datenstandort, Zugriffsrechte, Kontrolle über Verschlüsselungsschlüssel, Cloud-Abhängigkeit, Softwarekontrolle, Transparenz der Lieferkette, Offenlegung von KI-Daten, lokaler Support, operative Widerstandsfähigkeit und Ausstiegsstrategien.

Warum ist Cybersicherheit ein guter Ausgangspunkt für digitale Souveränität?

Endpunktschutz und Cybersicherheitsdienste befassen sich mit sensiblen Telemetriedaten, Bedrohungsdaten, operativen Entscheidungen und der Reaktion auf Vorfälle. Die Auswahl zuverlässiger Anbieter mit lokaler Datenverarbeitung, regionalem Support, transparenter Governance und lokalisierter Bedrohungsforschung kann die Widerstandsfähigkeit und das Vertrauen stärken.

 

Gartner, Inc. Magic Quadrant für Endpunktschutz. Deepak Mishra, Evgeny Mirolyubov u. a. 26. Mai 2026.

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